|
 |
|
|
|
|
Manifest des Rallentandismo - Wir wollen die Liebe zur Zwanglosigkeit besingen, die Vertrautheit, mit Phlegma und Zurückhaltung.
- Bedacht, Ruhe und Passivität werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
- Bis heute hat die Literatur die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag gepriesen. Wir wollen preisen die Konzentration, die Meditation und den Genuss.
- Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine alte Schönheit bereichern muss: die Schönheit der Langsamkeit. Das Chamäleon, das mit sicheren, zielbewussten Bewegungen den dünnen Ast besteigt und den nächsten Schritt gewissenhaft erwägt...ein auf sich besonnenes, erhabenes Chamäleon, das seine Stimme schont, ist schöner als ein aufheulendes schnelles Automobil.
- Wir wollen den Menschen besingen, der die Bremse zieht, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst dem Stillstand sich hingibt.
- Der Dichter muss kühl, matt und sparsam sich genügen, um Herr über die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu werden.
- Schönheit gibt es nur im Frieden. Nur ein Werk mit versöhnendem Charakter kann ein Meisterwerk sein. Die Dichtung muss aufgefasst werden als ein mütterlicher Ratschlag auf die unbekannten Kräfte, um sie zu verstehen und sie sich sinnvoll zu Nutze zumachen.
- Wir stehen an der der Klippe der Jahrhunderte!...Warum sollen wir in die Ferne blicken, wenn die geheimnisvollen Tore, die man öffnete, den Abgrund versprechen und der Blick über die Schulter alte Tore, die man gestreift und außer Acht gelassen hatte, noch zum Öffnen bereit hält? Zeit und Raum sind gestern nicht gestorben. Wir schwören dem Ewigkeits- und Allgegenwärtigkeitscharakter der Geschwindigkeit ab und wenden unser Antlitz ab.
- Wir wollen den Frieden besingen - das einzig gemeinsame Ziel der Welt -, den Sozialismus, die Fernstenliebe, die Vernunftgetriebenen Freidenker, die schönen Ideen, für die man lebt, und die Verherrlichung der Weiblichkeit.
- Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art fördern und für das Verantwortungsbewusstsein, die weibliche Mündigkeit und für Güte kämpfen, die auf Altruismus und Sinnstiftung beruht.
- Wir werden die Einsamen besingen, die die Natur, die Stille und die Träumerei besänftigt; besingen werden wir die einheitliche, eintönige Ebbe des Innehaltens in den zu versinken drohenden Hauptstädten; besingen werden wir den nächtlichen Schleier der erleichternden Geräusch- und Bewegungslosigkeit, die aus einer schwarzen schützenden Tiefe geboren werden; die Schlangen in den gefräßigen Bahnhöfen sollen schlafen, denn die Welt muss zur Ruhe kommen; die Fabriken sollen die Taue des Rauches einholen, denn des Menschen Seele will erlöst sein; reißt die Brücken nieder, denn ein großes Netz ermüdet; holt die Grenzsüchtigen ein, die Abenteurer, die Immersuchenden; die Sieben Meilen Stiefel haben ihre Absätze wund gelaufen, denn der Mensch hat sich verlaufen, die Kolosse ekeln den Geist an, und der stolze Adler, der mit übermütigen Kräften empor geflogen ist und, Ikarus gleich, die höchste Höhe anstrebt, blickt nun herab und erkennt unter der dichten Wolkenwand keinen Boden mehr, während er bemerkt, dass ihm sein Rückgrat verkümmert ist.
- Doch es ist nicht zu spät. Noch hat der Adler sein Gefieder an der Hybris nicht verbrannt, er kann nun zum Grunde zurückkehren, um der Seele Nahrung von den Weisheiten seiner Wurzeln zu schenken. Deswegen besingen wir die Rückkehr, die Einkehr, die Heimkehr. Primo passatismo, poi rallentandismo.
|
|
|