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Der Stift

 

Ich drücke die harte, frisch gespitzte Spitze meines Bleistifts circa fünf Zentimeter unter die linke obere Ecke meines reinen, weißen, jungfräulichen Papiers. Das Geräusch gefällt mir, einige Krümel des schwarz grauen Kegels waren beim Aufprall abgebrochen. Mit einem kurzen, aber bestimmten Luftzug puste ich sie weg, ohne meinen Stift vom Blatt zu heben. Ich habe noch immer meinen Ausgangspunkt beibehalten. Meine rechte Hand verharrt seelenruhig in der Pose, in der ich für gewöhnlich Schreibutensilien festhalte, mein Unterarm leicht gedreht auf dem Schreibtisch, die Ärmel des Hemds ein wenig hochgekrempelt, das Handgelenk graziös angehoben, die Finger so aneinander geschmiegt, als würde ich zum Schnipsen ansetzen, doch der Bleistift thront in der sicheren Umklammerung von Zeige-, Mittelfinger und Daumen. Festgefroren in dieser Position beobachte ich mein Vorhaben, ein DinA4 Blatt zu beschriften. Beschriften? Ohne meine Hand zu bewegen, denke ich nach. Was hatte ich eigentlich vor? Noch bis gerade war ich meiner so sicher, dass ich einen Plan gehabt habe, bevor ich den Stift anhob und wie eine Nadel auf dem Plattenspieler hinunter fuhr. Doch jetzt?
Jetzt starre ich auf die Kuppe des Stifts, auf meine Hand, auf das Papier, ich bemerke, meine Sicherheit schwindet und die Finger werden unruhig und zucken geringfügig, ich bemerke, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, was ich machen soll. Wollte ich denn nun schreiben? Ein Gedicht, einen Aufsatz? Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, eine Geschichte, ein Roman, einen Brief? Wollte ich vielleicht Zeichnen? Eine Skizze, ein architektonisches Meisterwerk, ein Portrait, eine Karikatur, ein Comic? Eine Notiz niederschreiben, den Einkaufszettel formulieren, eine To-do-Liste aufsetzen, ein bedeutungsvolles Wort in Schrift umsetzen, meinen Namen und dessen Unterschrift erproben? Vielleicht den Stift testen, ob er gut schreibt? Herumkritzeln und experimentieren, gedankenverlorene Herzen malen, vielleicht einen Namen dazu setzen, vielleicht ein fantastisches Monster, abstrakte geometrische Formen hinklatschen.
Ich weiß es nicht mehr. Meine Kraft lässt langsam nach, aber insbesondere die abnehmende Konzentration nötigt mich dazu, meine Hand zu lockern, den Stift zu heben, ihn mit Wut über den Tisch zu werfen und mit der Hand, nun zu einer Faust geballt, auf denselbigen ein zu dreschen. Aber das lasse ich bleiben.
Eine latente Aggression hat sich in mir angestaut, mein Blick ist nicht vom Ort des Geschehens gewichen. Ich fixiere die Stelle, auf der mein Bleistift das Blatt getroffen und verwundet hat. Es muss etwas sein. Daraus werden. Da war doch was? Nein. Falsch. Da war nichts.
Mit hochgezogenen Augenbrauen und strengen, halb geschlossenen Lidern, lenke ich meinen Blick auf diesen Punkt. Ich versuche mir vorzustellen, dass durch mein bloßes Ansehen und den Wunsch, etwas Grandioses passieren zu lassen, sich der Stift wie von selbst in Bewegung setzen würde und er meine Hand, statt sie ihn, leiten würde. Er würde die vagsten Striche, Bögen und Kurven riskieren, übermütig hüpfen, absetzen, aufschlagen, sich drehen, langsam und schnell werden, übereifrig und mal zögerlich, zart und dann energisch, fast brutal. Das Schauspiel wäre herrlich, ich müsste keine Energie verwenden, ich wäre der verzückte Beobachter meines Zauberstiftes, der durch mich und meine Imagination beflügelt wie eine Eiskunstläuferin über das Eis, das Papier betanzt.
Natürlich geschieht nichts dergleichen.
Ich seufze, lasse plump und entspannt den Stift und meine Hand auf dem Blatt fallen, schaue mir das Ergebnis einer halbstündigen Arbeit an und bin freudetrunken. Ich nehme das Blatt in die Hände und lache vor Begeisterung. Dieser Punkt in der Ecke, dort oben links, sehr dunkel, fast schwarz und fast durchgedrückt, ja, er ist wunderbar! Wahrhaftig. Ich taufe das Bild auf den Namen: „Oh! Ich bin kein Künstler, kein Schriftsteller, kein Maler, kein Denker und kein Fantast, aber ich habe es versucht, bin kläglich gescheitert und trotzdem glücklich!"


Last update: 09.06.08 13:45 - © Cora Rok - Imprint / Impressum - Disclaimer

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