Drittes Manifest - Tregua
Wir werden von den Sphären des Superlativs eingesaugt.
Ungenügsamkeit, lasterhafte Gier, Übersättigungsverlangen aus der absenten Existenzbedrohung geboren. Wenn der erste Speicher mit genug Korn gefüllt ist, bauen wir den nächsten für Kakao und Wein.
Uns ist nicht kalt, aber der heiseren Kehle des Herzens muss ein Fuchsschal Linderung bringen.
Wie Ameisen am klebrigen Strohhalm, klammern wir uns an den Mast des Schiffes Richtung Ewigkeit. Es droht in den Wellen, die Genius und Vergessenheit zerteilen, auseinander zu brechen, Hoffnung und Sinn vernebeln die Sicht. Tüchtige Arbeiter glauben an den Sachwert.
Ist die Angst vor dem Tode wirklich so groß, dass er der Zensur zum Opfer fällt und sich das menschliche Antlitz dem Jetztsein zuwendet, welches als ewigwährend verkauft wird? Wie Ameisen drängt es den Menschen zur Getriebenheit, agieren, solange die Fesseln der Zeit dich noch nicht an den Erdboden zurück binden können.
Der Tod, der aussätzige, arme und hässliche Schulkamerad aus der hintersten Bank. Alle Kinder kommen mit bunten Hüten und Luftschlangen, aber er wird vorsätzlich vergessen und niemals zum Fest eingeladen.
Wir brauchen keine Avantgarden mehr.
Wir sind ihre missgebildeten Kreaturen, eine aus der Gebärmutter des Mikrochips geborene Teufelsbrut ohne Nabelschnur. Wie Waisenkinder kennen wir nicht den Duft des Brotes, das unsere Mutter gebacken.
Wir brauchen mehr Inhalt, weniger Ideologie.
Die Grenzen sind durchbrochen, das eleusinische Land besetzt, schaut nun auf eure Karte und fällt die Entscheidung, wo ihr euer neues Haus bauen wollt. Überall sind die Felder abgeerntet, der Boden verdorrt. Die erste Entwertung war notwendig, um den falschen Stolz zu zerstören und die Scheuklappen zu lüften.
Es nützt nichts mehr, Nihilist zu sein. Es gibt keinen Halm, den man noch mit der Axt zerspalten könnte. Es ist Zeit zu sähen, damit Ehrlichkeit wachsen kann, denn unser Wesen spricht noch zu uns, wir aber haben verlernt, zuzuhören.
Nervös zittert das Knie, die darauf ruhende Kehle hebt an, die Wade hoch zu schaukeln, es schwingt und schwingt, wie das Pendel des Metronoms, wie die Pauken auf der Galeere.
Denn der Mensch läuft beim Denken, jeder Muskel zieht sich an.
Die Information muss schneller übermittelt werden, rede schneller, nein, du verhaspelst dich, es sind zu viele Worte, reduziere deine Wahl, nein, benutze eine Fremdsprache, deren Begriffe prägnanter sind, nein, verfalle dem Lakonismus, erspare dir erklärende Ausschweifung, es muss knapper sein, nein, nun sind die Begriffe schwammig geworden, du musst deine Laute mit emphatischer Mimik unterstreichen, mehr Expressivität, mehr Emotion, mehr Privates oder mehr Maske.
Und wir sitzen, mit gebücktem Rücken, die Beine wetzen weiter, graben das Loch unter uns, wir hecheln und haben unseren zukünftigen Gedanken schon überholt.
Die Schönschrift, die Fähigkeit, einzelne Buchstaben zu verbinden, kommt abhanden, es wagt niemand mehr, Bindungen einzugehen. Abgehackte Würmchen, hastig zerteilt, zittern auf dem Papier, Times New Roman kommt mit seiner Angetrauten, sie heirateten im Zehnfingersystem.
Pasternak, du schenktest uns 750 Seiten.
Sharif, deine Pracht überschattete selbst 197 Minuten.
Wikipedia, du ersparst uns den Weg und führst uns auf 14 Zeilen zum Ziel.
Gegen Simultanitätsfröhnung.
Wollen wir es einfacher oder menschlicher?
FÜR NEUE MOTIVATION. Das Benzin ist ausgegangen, wir haben kein Antrieb. Die Frontscheibe der Rakete, die der Geschwindigkeit trotzt und durch Zeit und Raum gleitet, ist beschlagen.
Das Radargerät dreht durch.
Orientierungslosigkeit wegen Sinnverschiebung.
Gebt Acht und klopft auf eure Stirn. Ist die Haut schon dem Stahl gewichen oder ist es die Leere des Hohlraums, die da erklingt?
Wir müssen mehr schweigen, denn Geheimnisse wollen gehütet werden.
Der Zauber ist fort.
Die Schmetterlinge sind frei, aber um ihre Schönheit zu verehren müssen wir wissen, wie ihre Flügel aussehen. Fangt sie ein, hütet und nährt sie, damit sie euch lieben und in Freiheit euer Begleiter werden.